Ballaststoffe haben ein Imageproblem. Sie sind gesund, gar lebensnotwendig und absolut unterschätzt – und trotzdem landen sie nie auf großen Werbeplakaten. Niemand ruft im Fitnessstudio begeistert: „Krass, heute hab‘ ich 45 Gramm Ballaststoffe geschafft!“ Und wenn doch, dann hebt alles drumherum eine Augenbraue.
Unnütze Verpackung?
Ballaststoffe stehen still im Hintergrund. Und erledigen ihren Job. Zuverlässig. Ohne Applaus. Mit einem selten dämlichen Namen gestraft, der noch aus einer Zeit stammt, in der die Wissenschaft noch keinen Durchblick hatte. Damals dachte man, die wichtigen Bestandteile der Nahrung seinen allein die Grundnährstoffe Proteine, Kohlenhydrate und Fette. Maximal noch die nach und nach entdeckten Vitamine. Den Rest betrachtete man als Verpackung. Als unnützes „Zeug drumrum“. Eben als Ballast, den der Körper schnell wieder per WC-Express entsorgt.
Heute weiß man, dass dieser vermeintliche Ballast extrem wichtige Vitalstoffe und Nahrungsbestandteile für unsere happy Darmbakterien beinhaltet, den Blutzucker senkt, das Herz-Kreislauf-System schützt sowie u.A. für Schadstoffabtransport und Krankheitsvorbeugung sorgt.
Die englischsprachige Welt ist da namenstechnisch weiter. Dort heißen Ballaststoffe „fiber“ (bzw. in Großbritannien „fibre“). Übersetzt heißt das in etwa „Faserstoffe“, was zumindest deutlich besser ist als Ballaststoffe. Ganz langsam setzt sich der Begriff Faserstoffe auch hierzulande durch. Und da ihr jetzt wisst, worum es geht, ändern auch wir hier in diesem Posting ab jetzt die Bezeichnung (und können nur sagen: Macht alle mit!)
Faserstoffe sind nicht sexy – aber nett
Während Protein mit Muskeln wirbt und Zucker mit guter Laune lockt, kommen Faserstoffe eher mit dem Satz: „Ist gut für deine Verdauung und Gesundheit.“
Und spätestens da wird es still im Raum.
Doch Faserstoffe sind wie die wenigen echten Freunde, die dir selbstverständlich und pünktlich dabei helfen umzuziehen, ohne eine fünfteilige Instagram-Selbstwerbung daraus zu machen. Sie sind wie gute Seelen, die dir ohne ein Wort den Tee reichen, wenn du im viel zu dünnen Outfit unterwegs warst. Oder die dir vorwurfsfrei zuhören, auch wenn du dich zwei Jahre nicht gemeldet hast. Faserstoffe sorgen dafür, dass alles läuft – im wahrsten Sinne des Wortes – und erwarten dafür nichts weiter als ein bisschen Wasser. (Warum? Faserstoffe sind wasserbindend, denn ohne Flüssigkeit können sie nicht arbeiten. Ohne Input von außen ziehen sie diese in ihrer Verzweiflung aus deinem Darm, was für fiese Verstopfung sorgt.)
Sie sind überall – nur selten da, wo die Werbung blinkt
Faserstoffe verstecken sich in Vollkorn, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen.
Also genau dort, wo wir oft sagen:
„Ja ja, esse ich demnächst öfter.“
Faserstoffe hören das, nicken höflich und warten.
Sie sind nicht laut, sie sind nicht süß, sie sind nicht bunt und schon gar nicht ein Trend. Es gibt sie nicht so nebenbei an der Tanke, sie pumpen nichts auf und haben keinen „Cheat Day“. Faserstoffe haben wenig Lifestyle-Potenzial und lassen sich nicht gut vermarkten. Selbst die Produkte, mit denen das versucht wird, stehen fromm mit Öko-Image seitlich im Regal. Man fühlt sich vielleicht kurzfristig gut, wenn man sie kauft. Aber dann vergisst man sie doch im Schrank hinter der großen Dose Proteinpulver. Kein Influencer wirbt für Faserstoffe mit einem Werbedeal. Faserstoffe sind zu unabgehoben. Zu geerdet. Sie sind einfach …da. Langweilig. Sie sind nicht schick. Sie machen irgendwas mit dem Darm. Ja, ist bestimmt toll, aber wollen wir nicht lieber über was anderes reden? Faserstoffe sind zu ehrlich und versprechen keine Wunder – sie funktionieren einfach. Oder auch nicht. Und dann reden wir noch viel weniger gern über den Darm, da der dann nämlich „Probleme macht“.
Faserstoffe sind nicht die Typen für eine Nacht
Faserstoffe stehen nicht für schnelle Erfolge, sondern für Stabilität. Für ein langes, ausgeglichenes Miteinander zwischen dir und deinem Körper. Sie halten dich gesund, füttern deine Darmbakterien, sorgen dafür, dass der Laden läuft und verhindern außerdem, dass du eine Stunde nach dem Essen schon wieder den Kühlschrank anstarrst.
Sie schreien nie: „Du brauchst mehr Disziplin!“ und zeigen dir ein L auf der Stirn.
Sie flüstern: „Vielleicht isst du einfach ein bisschen mehr Vollkorn und dann kriegen wir das schon hin.“
Auch Gemüse weiß Bescheid
Der Brokkoli räuspert sich.
Karotten nicken zustimmend.
Linsen klopfen dir auf die Schulter und sagen: „Wir waren die ganze Zeit hier.“
Faserstoffe sind als Grundlage für deine Ernährung in vielen natürlichen Lebensmitteln enthalten. Der Grund, warum dein Körper sich wie jeck über Gemüse freut, auch wenn dein Kopf (der Verräter) lieber Pizza will.
Übrigens: Kaum bis gar keine Ballaststoffe befinden sich in hochverarbeiteten Lebensmitteln, in Fleisch, Eiern, Milch und anderen tierischen Produkten, in Nudeln, Kuchen und anderen Kreationen aus Auszugsmehlen und auch nicht in Zucker, Ölen und Fetten.
Weg damit, das vertrag ich nicht!
Es gibt Situationen, die erfordern hingegen eine sogenannte „ballaststoffarme Ernährung“. Wenn du aber nicht gerade eine Darm-OP oder eine Darm-Entzündung hast oder hattest, trifft das auf dich vermutlich nicht zu. Im Krankheitsfall entscheidet deine Arztpraxis!
An sich gesunde Menschen, die meinen, sie würden „keine Ballaststoffe vertragen“, trinken meist zu wenig und/oder essen zu viel Zucker, zu viele Produkte aus Auszugsmehlen und/oder generell zu viele hochverarbeitete Lebensmittel. Alle diese Faktoren können die Verträglichkeit von Faserstoffen in unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigen. Unter normalen, gesunden Umständen sind Faserstoffe für unseren Körper von Natur aus bestens verträglich. Denn er braucht sie.
Empfohlen werden mindestens 30, besser 40 g Faserstoffe am Tag. „Modern“ ernährte Menschen aus den Industrieländern kommen im Schnitt lediglich auf etwa 10-15 g. Wenn überhaupt. Unsere Vorfahren haben etwa 100 g Faserstoffe täglich zu sich genommen.
Wir sollten definitiv öfter über Faserstoffe reden
Von mir aus nicht aus dem Grund, weil sie spannend sind (wobei ich sie durchaus hochspannend finde!). Sondern weil sie echt wichtig sind. Weil sie dich länger satt machen, als jeder beworbene Proteinpudding. Weil sie dich gesünder halten, als jedes künstliche Nahrungsergänzungsmittel. Weil sie deinem Körper helfen, ohne dass du dafür viel tun oder ausgeben musst. Noch nicht mal Kalorien haben sie!
Faserstoffe brauchen keinen Hype, auch wenn sie ihn verdient hätten. Sie brauchen nur einen festen Platz auf deinem Teller.
Und ein Glas Wasser. Vielleicht zwei. 😉
Bildquelle: Gabi / Pixabay
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