Morgen beginnt sie wieder: die Zeit, in der plötzlich alle irgendetwas „weglassen“: Zucker, Alkohol, Zigaretten, Social Media, Netflix, Fleisch oder direkt alle Mahlzeiten. Die christliche Fastenzeit klopft an – und mit ihr die Frage:

Fasten – gute Idee oder unnötiger Stress?
Und so tingeln Millionen Menschen gerade gedanklich zwischen „Ich hätt’s ja schon mal wieder nötig“ und „Aber nächsten Samstag ist Kegeln!“

🙏 Klassisches Fasten – die Pause mit Bedeutung
Die christliche Fastenzeit war ursprünglich natürlich keine Diät. Sie war eine Buße, eine körperliche und geistige Vorbereitung auf das Osterfest (nein, keine Party für den Hasen, sondern hier ist die Feier des Todes und der Auferstehung von Jesus Christus gemeint). Auch im muslimischen Ramadan, ebenfalls eine religiös motivierte Fastenzeit, geht es nicht um einen Lifestyle. Hier geht es um religiöse Hingabe jenseits der menschlichen Bedürfnisse und den Fokus auf Nächstenliebe. Im Judentum gibt es mehrere feste Fastentage, an denen auf unterschiedliche Dinge verzichtet wird – ebenfalls auch, um eine Nähe zu Gott herzustellen. Und auch die Buddhisten fasten. Nicht zu einheitlichen Zeiten, aber da es sich mit vollem Magen schlechter meditieren lässt, greifen unterschiedliche buddhistische Ströme immer mal wieder zum Fasten, um Körper und Geist zu reinigen.
So sehen es also die Weltreligionen. Die Social-Media-Version davon ist: „Sie hat 40 Tage auf Schokolade verzichtet. Und dann ist DAS passiert…“

⚖️ 5 Kilo weg, aber auch was gelernt?
Sicherlich kann man heute prima leben (und fasten), auch ohne religiös zu sein. Aber es stellt sich die Frage, ob einen die Jahrhunderte alten Traditionen nicht auch etwas lehren können? Nämlich, dass es beim Fasten nicht ums Aussehen geht oder darum, sich und seinen Follower zu beweisen, dass man auch 40 Tage heldenhaft ohne xyz überleben kann. Dass es nicht um die Show und die Strandfigur geht, sondern wirklich um ein Bewusstsein, das langlebiger ist, als diese 40 Tage. Dass man von dieser Zeit nachhaltig profitieren kann. Und nicht an Tag 41 mit wehenden Fahnen wieder unter Applaus eskaliert, weil es „endlich vorbei ist“.

Fasten ist keine Challenge. Es geht nicht darum, wer am längsten durchhält oder am strengsten verzichtet. Der Körper ist kein Projekt, das man „optimieren“ muss. Es ist viel wichtiger zu merken, wie automatisch manche Gewohnheiten ablaufen. Zum Bespiel, wie oft man isst, ohne Hunger zu haben. Wie oft man snackt, weil es 16:00 Uhr ist. Wie oft man abends zum Bier greift, eben weil der Grill an ist oder zum Wein, weil die Flasche im Angebot war.
Wer das alles mal merkt, hat in den 40 Tagen echt was gewonnen.

🤔 Und die Gesundheit hat nix davon?
Natürlich doch. Denn jede Zigarette ist gut, die man in den 40 Tagen nicht angezündet hat. Jede gerettete Gehirnzelle, die nicht im Social-Media-Strudel ertrunken ist, ist wertvoll. Jedes Tier, das nicht gegessen wurde, freut sich. Und die Leber wähnt sich eh an Tag 1 schon im Paradies. Aber viel zu oft sind diese Dinge nicht nachhaltig, wenn man sie, wie gesagt, nur als Challenge sieht und nicht als Einstieg zu einer dauerhaften Veränderung. Die Gesundheit atmet einmal auf …und legt sich dann frustriert wieder hin, wenn man nicht dabei bleibt. Ebenso, wie die fünf heruntergehungerten Kilos, die eine Woche später wieder fröhlich von den Hüften aus winken.

🤤 Man wird sich doch wohl noch was gönnen können!
Klar, aber was gönnen sich denn die meisten? Zum Beispiel gerne hochverarbeitete Produkte, Zucker und Auszugsmehl, bis es uns an den Ohren herauskommt. An sieben Tagen sieben Cheat-Days. Und danach fühlt sich in Wahrheit doch keiner glücklich, weil er sich was gegönnt hat, sondern eher voll, frustriert und antriebslos. Und am nächsten Silvester, am nächsten Aschermittwoch oder nach den Sommerferien schwört man seinem schlechten Gewissen hoch und heilig: „Ab jetzt wird alles anders!“

Prima, aber generell sollte man sich lieber überlegen, wie man alltagstauglich eine Ernährung für sich etabliert, die einen körperlich wie geistig erfüllt, dafür aber nicht übergewichtig, krank und abhängig macht. Das klappt nicht bei jedem von heute auf morgen in Form eines totalen Gegenextrems. Es gibt Menschen, die brauchen das so. Bei anderen endet es nach zwei Wochen, wenn sie sich rauchend mit einem Bier in der Sahnetorte wiederfinden. Die meisten Menschen brauchen eher einen seichten Übergang. Für die sind auch die 40 Tage rigoroses Fasten eher nichts. Aber auch da gibt es eine Alternative für den Alltag, die es auch schon seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden gibt und die seit einiger Zeit wieder populär ist: Das Intervallfasten.

😳 19:59 Uhr – Ich muss noch schnell was essen!
16:8. 14:10. 5:2. – Zahlen, die am Stück ein wenig so aussehen, wie eine IP-Adresse, in Wahrheit aber für die Anzahl an Stunden stehen, in denen man was isst bzw. nichts isst. Halt eben für die Intervalle.

Denn die Idee ist: Essenspausen einlegen, dem Körper Zeit geben, sich zu regulieren. Runterzufahren. Nicht ständigen Input managen zu müssen.
Für manche Menschen funktioniert das wunderbar. Sie fühlen sich klarer, strukturierter, weniger snack-anfällig. Und ja, manchmal kann man das auch auf der Waage sehen.

Für andere bedeutet es:
 19:59 Uhr – „Ich muss noch schnell alles essen, bevor ich wieder nicht darf!“ 

Und wer das so sieht, der ist auch hier wieder nur im Challenge-Modus und nicht im Mehrwert. Denn es geht natürlich auch beim Intervallfasten um Verzicht, aber man darf es nie als „Kampf“ sehen, sondern als Teamwork mit dem Körper. Das „Weniger ist mehr“ als Gewinn, nicht als Strafe, weil man 20 Kilos zu viel hat.
Intervallfasten ist kein Wundermittel. Es ist ein Rhythmus. Und wie bei jedem Rhythmus gilt: Er muss zu einem passen. Wenn man morgens das Frühstück auslässt, aber auch nach einiger Zeit immer noch morgens vor Hunger und Konzentrationsschwierigkeiten am Schreibtisch nur dahinvegetiert, dann stimmt etwas nicht. Es kann sein, dass es am Abendessen davor liegt. Es kann sein, dass man die Esspause lieber auf die Abendstunden legen sollte. Es kann aber auch sein, dass das Intervallfasten überhaupt nicht zu einem passt und man einfach mehr Mahlzeiten am Tag braucht. Man sollte natürlich nie auf jeden Gedanken („Schokolade!!!“) hören. Man sollte aber auch nicht den Körper als Endgegner sehen, den man mit Ignoranz schon kleinkriegt. Das klappt nämlich nicht.

💡 Die wichtige Frage: Warum möchtest du fasten?
Fasten kann ein Reset sein.
 Fasten kann Klarheit bringen. 
Fasten kann Gewohnheiten sichtbar machen.
 Fasten kann dich in deiner Religion stärken.
Aber wenn Fasten aus Druck entsteht – aus dem Gefühl, „zu viel“ zu sein oder „besser“ werden zu müssen – dann wird aus einer bewussten Pause schnell ein innerer K(r)ampf.

Gerade in der Fastenzeit darf die Frage lauten:

Was möchte ich gewinnen – nicht nur, was möchte ich verlieren?
Mehr Ruhe?
 Mehr Achtsamkeit?
 Mehr Verbindung zu mir selbst?
 Gar nix von dem Psycho-Geplänkel, die Gesundheit soll nur einfach mal wieder besser werden?

🤓 Ja oder nein?
Fasten ist weder Pflicht noch Wundermittel. Und auch nicht auf die 40 Tage vor Ostern, den Ramadan oder wann auch immer begrenzt. Man kann an jedem verregneten Dienstagnachmittag auch ganz alleine damit anfangen. Wichtig ist zu begreifen, dass das Fasten, egal in welcher Form, ein Werkzeug ist. Und Werkzeuge sind nur so gut, wie die Hand, die sie benutzt.

Wenn Fasten dich runterfährt: Go for it.

Wenn es dich stresst: Lass es.

Wenn du es als Challenge für andere machst: Lass es erst recht.

Wenn Intervallfasten dir Struktur gibt: Probier es.

Wenn es dir Leichtigkeit gibt: Bleib dran.

Wenn du nur noch an Essenszeiten denkst: Denk noch mal drüber nach.

Die Fastenzeit kann eine schöne Einladung sein, Gewohnheiten zu hinterfragen. Aber sie muss kein Wettbewerb werden.

Also dann: Happy Aschermittwoch! Mach was draus 👍🏻

Bildquelle: Jonathan Pielmayer / Unsplash

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